Der „Elektrostaat“ als Leitidee der Zukunft

Der „Elektrostaat ist mehr als ein technisches Gegenmodell zum Petrostaat. Er könnte eine postfossile gesellschaftliche Ordnung mit sich bringen, die im Einklang mit dem Planeten und mit menschlichen Bedürfnissen schwingt. 

Es war vor allem Adam Tooze, der in den vergangenen Monaten immer wieder den Begriff des „Elektrostaates“ in Umlauf gebracht hat. In erster Linie bezog sich das auf China, wo in den letzten Jahren riesige Investitionen in erneuerbare Energien und die mit Windkraft und Solarenergie verbundene Infrastruktur wie Stromtrassen und -speicher getätigt wurden – freilich mit den Durchgriffsmöglichkeiten totalitärer Systeme. 

Bei genauerem Hinsehen und spätestens in der durch den Irankrieg ausgelösten aktuellen Ölkrise zeigt sich: Der Begriff des „Elektrostaates“ hat über die technologisch-ökonomische Dimension hinaus das Potenzial in eine postfossile, humane Zukunft zu weisen. Denn bei der Unterscheidung zwischen Petro- und Elektrostaaten geht es um mehr als die energetisch-technologische Grundlage von Volkswirtschaften. Es geht um eine ganze Kultur. 

Wenn es so etwas wie einen grünen Kapitalismus der Zukunft gibt, dann unterscheidet sich dieser nicht nur darin, dass rauchende Schlote und röhrende Motoren der Vergangenheit angehören. Mit ihnen verschwindet auch, was als „Petromoderne“ und als „Petromaskulinität“ bezeichnet wurde. Typen wie Trump oder Putin verkörpern phänotypisch eine Kultur, die geradezu libidinöse Befriedigung aus fossil getriebenen Maschinen, aus Rauch, Lärm und Gestank bezieht. Fossile Energie bedingt sozusagen fossilen Reichtum, der von Einzelnen angeeignet und ins Unermessliche angehäuft werden kann. In der Hochzeit der Industriemoderne fand er seine popkulturelle Entsprechung in Dagobert Duck – der reichsten Ente der Welt, die nie genug hat und dennoch maßlos geizig ist. 

Im hypothetischen „Elektrostaat“ gäbe es vieles davon nicht mehr. Das verrät möglicherweise viel über die aktuelle Stärke jener Beharrungskräfte, die ihren gewohnten Status nicht aufgeben wollen und daher versuchen, die Bemühungen um eine globale Energiewende auszubremsen. Wenn nicht mehr alles jederzeit zu hundert Prozent verfügbar ist, ändert sich die Konfiguration moderner Gesellschaften und des Kapitalismus. Der Zwang zur quantitativen Steigerung aller möglichen Kennzahlen könnte einem Wettlauf um qualitativen Fortschritt weichen. Das Verhältnis zur Umwelt würde durchlässiger, emphatischer und damit auch entspannter. Der Takt von Wirtschaft und Gesellschaft wäre weniger bestimmt von der atemlosen Beschleunigung erhitzter Märkte. Der Rhythmus der Natur würde für ein menschenfreundlicheres, weniger überforderndes Tempo sorgen und der Planet erhielte Präsenz im politischen und wirtschaftlichen Geschehen. 

Fossile Energie ist die energetische Entsprechung der heutigen Form des Kapitals, strukturell eng verwandt mit dem Prinzip des Kapitalismus: Macht über Zeit und Raum durch unbeschränkte Akkumulation. Eine auf erneuerbaren Energien basierende Ökonomie wäre nicht einfach ein technischer Ersatz, sondern eine ontologisch andere Energieform, die als energetisch-materielle Basis eine andere Wirtschaftsweise geradezu bedingt: dezentral, relational, eingebettet in Natur und Gesellschaft. So betrachtet, könnte der „Elektrostaat“ nicht weniger als eine teilweise Umkehrung dessen bedeuten, was der ungarisch-britische Ökonom Karl Polanyi als Prozess der „Großen Transformation“ beschrieben hat: Am Beginn der Industrialisierung und der Herausbildung des modernen Kapitalismus war die Wirtschaft ein Teil der Gesellschaft, eingebettet in das tägliche Leben. Am Ende sei die Gesellschaft marktförmig geordnet und dem Wirtschaftsgeschehen unterworfen worden. 

Freilich ist die skizzierte neuerliche „Great Transformation“ kein Selbstläufer. Geht es nach den Vorstellungen der chinesischen KP, dann verbindet sich der „Elektrostaat“ bestens mit einer autoritär durchwirkten und zugleich brutal kapitalistischen Gesellschaft, die der Allmacht und vermeintlichen Weisheit der Partei unterworfen ist. Auch mit einst gefeierten Elektropionieren wie Tesla und vor allem seinem Besitzer Elon Musk verbinden sich heute dunkle, antihumane Vorstellungen. Aber der Begriff „Elektrostaat“ ist nicht gleichzusetzen mit China und hat auch mit den posthumanistischen Phantasien durchgeknallter Tech-Bros nichts zu tun. Sein Potenzial liegt darin, ein energetisch-materielles Fundament zu beschreiben, das den heutigen Petrostaat und die auf rücksichtslose Ausbeutung fossiler Ressourcen gründende Industriemoderne ablösen kann. Der „Elektrostaat“ ist die Grundlage einer postfossilen, dekarbonisierten Wirtschaftsweise, die immer noch nicht im völligen Einklang mit dem Planeten wäre, aber doch weniger zerstörerische Kraft hat und mehr im Rhythmus der Natur schwingt.

Die demokratische und freiheitliche Ausgestaltung dieser Ökonomie muss indes erkämpft werden. Folgt man Polanyi, war schon der Umbau zur marktförmigen Gesellschaft ein politisches Projekt, das von berufener Seite energisch verfolgt und schließlich durchgesetzt wurde. Ähnlich dürfte es sich hier verhalten. Darum ist der „Elektrostaat“ jenseits der konkreten technologischen und regulatorischen Transformation vor allem narrativ interessant. Als in die Zukunft gerichtete politische Erzählung öffnet er eine Richtung, um darüber nachzudenken, wie sich Gesellschaft und Alltag im Zuge der sozial-ökologischen Transformation zum Besseren verändern könnten. Ein kampagnenfähiges Leitmotiv, das einen Weg aus der erstarrten Gegenwart in eine gelingende Zukunft beschreibt.  

In der aktuellen Bundesregierung wird man damit auf wenig Interesse stoßen, dominiert hier doch eher die fossile Regression –  nicht nur in Person von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Angekommen scheint der Begriff des „Elektrostaates“ in der deutschen Politik einzig bei den Grünen, die auf ihrem letzten Parteitag den Umbau des Landes eben dazu diskutierten, wenngleich nur auf der technologisch-regulatorischen Ebene. Das kommunikative Potenzial als übergeordnetes Narrativ für eine sozial-ökologisch transformierte Gesellschaft hat man auch hier noch nicht erkannt. 

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