Rezension „Fossile Moderne“

Die Moderne wird meist als fortschrittliche Epoche beschrieben. Der Soziologe Andreas Folkers setzt dem entgegen: Ihre Grundlage, die fossile Energie, droht die Zukunft zu verschlingen.

Maßgeblich vorangetrieben durch Adam Tooze fand in jüngster Zeit eine Debatte über den Begriff des „Elektrostaats“ statt, den der Ökonom den „Petrostaaten“ gegenüberstellte. Der Abschied von der fossilen Energiebasis könne zu einer weitergehenden Transformation führen, hin zu einer Wirtschaftsweise, die deutlich mehr im Einklang mit den planetaren Grenzen stünde. Das neue Buch des Soziologen Andreas Folkers würde diesem Zukunftsbild wohl grundlegend widersprechen.

Folkers macht wenig Hoffnung, wenn es um eine sozial-ökologische Transformation „by design“ geht. Zu eng ist für ihn unser Verständnis von Fortschritt, von Freiheit und letztlich von Raum und Zeit mit der Nutzung fossiler Energie verbunden. Auf dieser Annahme baut er nichts weniger als eine neue Konzeption der Moderne auf, die er von Beginn an getrieben sieht von fossilen Energieformen. Eng verwoben mit diesem fossilen Antrieb ist eine Logik der permanenten Ausdehnung und Externalisierung. Längst schon habe die „fossile Moderne“ so große Mengen kohlenstoffbasierter Abfälle in der Erde und vor allem in der Atmosphäre hinterlassen, dass auch die ferne Zukunft noch davon geprägt sein wird.
Folkers attestiert dem „grünen Kapitalismus“ einen „epistemischen Widerspruch“. Finanzmärkte seien niemals in der Lage, Umweltschäden vollständig in Preissignale zu übersetzen. Letztlich, so Folkers, sei die Abbildung im Preis eben doch eine „Beobachtung zweiter Ordnung“, die nicht auf die Umwelt, sondern auf Marktreaktionen reagiere. Damit schreibt er den Zweifel am Fortschritt im Kapitalismus in der Tradition der kritischen Theorie fort.

Zentrale Projekte der Klimapolitik wie die Energiewende gelten ihm als „Wandel, der nichts wandelt“. Die Transformation „by disaster“ scheint nahezu unausweichlich. An die Stelle von Fortschritt tritt die „Reparatur“ der vererbten Altlasten. Vom technikgläubigen Zukunftsoptimismus der Industriemoderne bleibt nichts mehr übrig.
Allem apodiktischen Pessimismus des Autors zum Trotz ist sein großer ideengeschichtlicher Bogen produktiv und anregend. Sein Begriff der „fossilen Moderne“ denkt die energetische Basis unserer Epoche mit ihrer Wirtschafts- und Gesellschaftsform zusammen und macht deutlich, wie eng beides verbunden ist. Damit lässt sich weiterarbeiten.

Andreas Folkers, „Fossile Moderne“, Suhrkamp Verlag, 500 Seiten, 28 Euro

Erschienen in ESG.Table #351, Juli 2026