Eine Geschichte der Deutschland AG als Lehrstück für die Gegenwart: Das Buch „Dreihundert Männer“

Geopolitische Verwerfungen, technologische Veränderungen, Transformationsdruck: Die deutsche Wirtschaft steht unter Stress, die Debatte über ihren Zustand ist entsprechend aufgeladen. Einen erhellenden Perspektivwechsel bietet in dieser Lage Konstantin Richters in dieser Woche mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnetes Buch „Dreihundert Männer“.

Das rund 500 Seiten umfassende Werk erzählt die Geschichte der sogenannten „Deutschland AG“ von den 1870er-Jahren bis fast in die Gegenwart, informativ und unterhaltsam, zuweilen plakativ verkürzend und mit mangelnder kritischer Distanz. Doch Richter macht klar: Tiefgreifender technologischer, politischer und gesellschaftlicher Wandel und stetige strukturelle Transformation begleiten die deutsche Volkswirtschaft seit ihrem verspäteten Aufstieg zu einer globalen Wirtschaftsmacht in den 1870er Jahren. Die wohl vertraute und oft etwas panisch wirkende Angst vor dem Abstieg war gleichermaßen seit den Anfängen dabei.

Auch andere bemerkenswerte Kontinuitäten werden herausgearbeitet, etwa ein struktureller Konservatismus, das Festhalten an einem handwerklichen Qualitätsbegriff, die viel besprochene Rolle der Tüftler und Ingenieure, der bewundernde und zugleich misstrauische Blick auf Geschäftsgebaren und Innovationstempo in den USA. Richter zeigt, wie der wachsende Einfluss von Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und eine aktive Rolle des Staates viel zum sozialen Frieden beitragen und dennoch bis heute umkämpft bleiben. Und er verdeutlicht, wie tief gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen mit dem Wirtschaftsleben verwoben sind.

Von der alten Deutschland AG mit ihren engen wechselseitigen Verbindungen und Beteiligungen ist vieles verschwunden, man denke nur an Namen wie AEG, Telefunken oder Mannesmann. Und doch entsteht der Eindruck, dass das deutsche Modell einer korporatistischen Wirtschaft, die auf moderaten sozialen Ausgleich setzt und eine längere Perspektive als das nächste Quartal in den Blick nimmt, mitnichten am Ende ist. Es könnte für eine gelingende Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit vielmehr noch gebraucht werden. 300 Frauen dürfen dabei künftig allerdings nicht fehlen.

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