Die Rückabwicklung der sozial-ökologischen Transformation kann aufgehalten werden. Vorausgesetzt, man legt den Fokus auf den langfristigen Nutzen für Wirtschaft und Privathaushalte.
Sah es noch vor wenigen Jahren danach aus, als gäbe es ernsthafte Bemühungen, die voranschreitende Erderhitzung abzuschwächen, ist davon zwischenzeitlich wenig übriggeblieben. Das vor wenigen Tagen vorgestellte Klimaschutzprogramm der Bundesregierung wird vom Expertenrat für Klimafragen als unzureichend kritisiert, sieben von neun planetaren Grenzen sind offiziell überschritten, der jüngste Report der Weltorganisation für Meteorologie zeichnet ein desaströses Bild der Lage. „Der Planet Erde wird an seine Grenzen gebracht“, sagte UN-Generalsekretär António Guterres.
Die Klimakrise und die sozial-ökologische Transformation haben massiv an politischer Unterstützung verloren. Nachhaltigkeit wird zunehmend als Thema dargestellt, das man sich nur leisten könne, wenn die wirtschaftliche Lage es erlaube und möglichst wenig Veränderungen oder gar Einschränkungen für Unternehmen und Privathaushalte damit verbunden seien. Die unglückliche Diskussion um das Gebäudeenergiegesetz („Habecks Heizungshammer“) und die deutliche Aufweichung des Green Deals und der Nachhaltigkeitsberichtspflichten auf nationaler und europäischer Ebene spiegeln eine Entwicklung, die als „Greenlash“ von der Financial Times zu einem Wort des Jahres 2024 gemacht wurde.
Klimapolitik wird als Bedrohung wahrgenommen. „Politisch hat sich in fast allen Lagern die Vorstellung durchgesetzt, Klimaschutz sei unsozial, weil er den Leuten überzogene Lasten aufbürde“, sagt Dennis Eversberg, der an der Goethe-Universität Frankfurt Umweltsoziologie lehrt und an einem Buch über „Mentalitäts- und Interessengegensätze im Streit um Transformation“ mitgeschrieben hat. Die Stimmung habe sich in den vergangenen Jahren gedreht. „Teile der in relativem Wohlstand lebenden Mitte nehmen klimapolitische Maßnahmen zunehmend als Bedrohung für die eigene gewohnte Lebensweise und den eigenen Lebensstandard wahr und priorisieren angesichts dessen den Erhalt ihrer ‚Besitzstände‘“, so Eversberg.
Begleitet und befeuert wird dieser „Greenlash“ zumeist von angstbesetzten Szenarien. Vor allem rechtsextreme und populistische Kräfte beschwören gerne den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Niedergang. Deren „Aufstieg und der ganze gesellschaftliche Stimmungswandel, der sie trägt, treibt auch regierende Parteien wie etwa die Union in Deutschland vor sich her und gibt den Kräften in und um diese Parteien Aufwind, die nie ernsthaft für Klima- und Nachhaltigkeitsziele waren und nun die Chance sehen, das Rad zurückzudrehen“, führt Eversberg aus.
Zudem ist der Druck gestiegen. Für Franziska Müller, Professorin für Politik und Entwicklung an der Universität Wien, liegt der Grund für die derzeitige Abkehr vom sozial-ökologischen Umbau im großen „Transformationsdruck“. „Es wird eng, es besteht großer Zeitdruck und finanzieller Druck, die Transformation geht nicht smooth, sondern wird weh tun. Das kostet Wählerstimmen, das führt zu Gewinneinbrüchen, das verdirbt das Exportgeschäft“, so Müller.
Kurzfristig erscheine es daher rational, sich nicht für eine sozial-ökologische Transformation einzusetzen – und mit dem fossilen Wirtschaftsmodell Geld zu verdienen, solange es noch gehe. In der gegenwärtigen, durch Trumps Irankrieg ausgelösten Krise werde indes die Verwundbarkeit ebenso sichtbar wie die verpassten Chancen der jüngeren Vergangenheit. Im Extremfall führe die Veränderungsunwilligkeit der Unternehmen zu „degrowth by disaster“, so Müller. „Die Krise der Autoindustrie in Baden-Württemberg weist solche Züge auf.“
Fehler sieht sie aber auch im Lager der Transformationsbefürworter. „Die moralische Dimension einer sozial-ökologischen Transformation wurde oft sehr überhöht und damit schlecht vermittelbar.“ Für den Erfolg von Solartechnik, Wärmepumpen oder der Mobilitätswende wäre es taktisch klüger, auf eine stärkere Entpolitisierung des Diskurses zu setzen oder zu betonen, dass erneuerbare Energien die Energiesicherheit und damit die gesellschaftliche Resilienz stärken, so Müller.
Ähnlich argumentiert auch Brigitte Knopf, Direktorin des Thinktanks „Zukunft KlimaSozial“. Klimapolitik müsse stärker mit der „Lebenswirklichkeit der Menschen“ verbunden werden, fordert sie. Das abstrakte Postulat ‚Klima schützen‘ funktioniere nicht mehr. Vielmehr müsse man zeigen, dass gut gemachter und sozial ausgewogener Klimaschutz die Lebenswirklichkeit der Menschen verbessert. „Gut ausgebauter Nahverkehr lässt auch Menschen ohne Auto teilhaben, gut gedämmte Häuser schützen im Sommer vor Hitze und im Winter vor Schimmel.“
Überdies trage pragmatischer und sozial ausgewogener Klimaschutz auch zur Verteidigung der Demokratie bei, sagt Knopf. „Es gibt interessante Studien dazu, die zeigen, dass die Zustimmung zu populistischen Parteien sinkt, wenn Infrastruktur und öffentliche Daseinsvorsorge funktionieren.“
Zugleich gelte es, sich nicht verunsichern zu lassen. Vielmehr solle man Erfolge selbstbewusst und offensiv verteidigen und darstellen. Immerhin erfreuten sich sowohl Solaranlagen und Elektro-Autos als auch die Wärmepumpe zunehmender Beliebtheit in der Bevölkerung, „völlig unabhängig von der Parteizugehörigkeit“, so Knopf. Meist gehen diese Meldungen jedoch in der täglichen Nachrichtenflut einer von Krisen geschüttelten Welt unter.
Erschienen in ESG.Table #312, 3. April 2026