Ist der Techno-Kommunismus die Lösung?

Die Gebrüder Ralph und Stefan Heidenreich wollen einen Ausweg aus der dystopischen Gegenwart zeigen

Die Gegenwart bietet vordergründig nur wenig Anlass zu Optimismus – im Gegenteil: Die Welt scheint sich im Würgegriff einer multiplen Krise zu befinden. Vom Arabischen Frühling bis zur Europäischen Union, von der Digitalisierung bis zur Globalisierung haben sich einst progressive Versprechen in ihr Gegenteil verkehrt. Der globale Kapitalismus scheint mit zunehmender Rotationsgeschwindigkeit an Stabilität zu verlieren und in atemberaubender Geschwindigkeit Krisen zu produzieren, die den Blick auf den Hauptwiderspruch immer neu vernebeln: den immanenten Zwang der kapitalistischen Wirtschaft zur stetigen Expansion, auf den sich letztlich alle Krisen der Gegenwart zurückführen lassen. Der Preis, den die Welt für die gegenwärtige Wirtschaftsordnung zahlt, ist also hoch – und schon ausführlich und aus vielerlei Perspektiven analysiert worden.

Eine weitere, in vieler Hinsicht interessante Perspektive steuern nun Ralph und Stephan Heidenreich mit ihrem Band »Forderungen« bei, einer Weiterführung ihres 2008 erschienenen Titels »Mehr Geld«, der sich mit der Finanz- und Systemkrise auf ihrem vorläufigen Höhepunkt beschäftigte. »Forderungen« geht mindestens einen Schritt weiter. Die Autoren – Ralph Heidenreich, Jg. 1957, lebt in Biberach an der Riß, sitzt für die LINKEN im Stadtrat und arbeitet als Programmierer, Stefan Heidenreich, Jg. 1965, lebt in Berlin, forscht und publiziert zu Medien, Ökonomie und Kunst – schaffen es, in dem vorliegenden Buch nicht nur die jüngere Geschichte von Finanzwirtschaft und Kapitalismus erstaunlich umfassend zu umreißen, sondern auch einen Blick in die Zukunft zu werfen, der angesichts der düsteren Gegenwart überraschend optimistisch scheint.

Dabei sind die Heidenreich-Brüder keine Bewegungsromantiker, die ein globales revolutionäres Subjekt herbeisehnen. Sie zeichnen vielmehr ein ebenso klares wie deprimierendes Bild unserer Gegenwart. Demnach ist der aktuelle »Finanzfeudalismus« gleichermaßen Produkt einer exzessiven Deregulierung wie der fortschreitenden Digitalisierung, ohne die die heutige globale Finanzverwaltung nicht denkbar wäre. Das gegenwärtige Finanzregime zeichne sich aus durch den Handel mit letztlich fiktiven Forderungen, auf deren künftige Realisierung gewettet werde – von in Wertpapieren umgewandelten Privatschulden bis zu geheim verabredeten Gewinngarantien der öffentlichen Hand. Die Nationalstaaten hätten die Rolle des Souveräns unterdessen längst an weltweit vernetzte Akteure verloren. Neben dem Finanzsystem nennen die Autoren vor allem die großen Internetkonzerne als Datensammler und die »kaum noch staatlich zu nennenden« Geheimdienste mit ihren umfassenden Überwachungsprogrammen.

Die Autoren lassen keinen Zweifel daran, dass sie das unheimlich-postpolitische Regime für gefährlich halten – und zwar sowohl, wenn es um die Sicherung von Herrschaftsansprüchen von oben als auch um Aufstände gegen diese Herrschaft von unten geht: »Ein paar weitere Jahre europäischer Sparknechtschaft mit sinkenden Preisen, sinkenden Löhnen und einer Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen von über 50 % könnte die Neigung zur gewaltsamen Aneignung des verlorenen Lebens auf das für Konflikte innerhalb Europas nötige Niveau steigen lassen.«

Zugleich sehen sie aber in durchaus marxistischer Tradition in den gegenwärtigen Strukturen eine künftige Ordnung bereits angelegt. »Mittlerweile leben wir unter einer globalen Geldverwaltung, die ähnlich wie der Absolutismus einer Klasse von Finanzfeudalisten dient. Damit wird sie reif für einen grundlegenden Wandel … Der Schritt, der nun noch aussteht, ist der Umsturz des Finanzfeudalismus und die Aneignung seiner Institutionen im Sinn der Allgemeinheit.« Wie dieser Umsturz aussehen oder herbeigeführt werden könnte, beschreiben die Autoren nicht, sie sehen aber in der Gegenwart die Strukturen für einen künftigen »Techno-Kommunismus« angelegt: In einer geldlosen Ökonomie der Zukunft falle Geld als »Aufschreibesystem« schlicht weg, Akkumulation von Reichtum sei schlechterdings unmöglich und wirtschaftliche Tauschprozesse würden stattdessen durch einen »Matchingalgorithmus« organisiert. »Der Algorithmus sollte, ähnlich wie Geld, keine Zuordnung von Käufer und Ware festlegen, sondern eine Schnittstelle bereitstellen, die es allen Beteiligten erlaubt, von Fall zu Fall zu entscheiden, was sie anbieten und was sie wollen.«

Tatsächlich erscheint ein solches Modell mit den bereits heute verfügbaren technischen Mitteln als vernünftig, durchaus realisierbar und weitaus menschenfreundlicher als das gegenwärtige System. Es bleibt nur die Frage, wie der Weg dorthin ohne epochale Katastrophen gelingt.

Stefan Heidenreich/Ralph Heidenreich: Forderungen. Merve Verlag, Berlin. 136 S., br., 12 €.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1003048.ist-der-techno-kommunismus-die-loesung.html