Alle auf A

Wenn Kunst sich antizyklisch gegen den Zeitgeist stemmt, ist das schon eine eigene Botschaft. Zumal in einer Zeit, in der Debatten von kulturkämpferischer Erregung und allgemeiner Verhärtung geprägt sind. Der Anfang Juli im kosovarischen Prizren eröffneten fünfte Ausgabe der Autostrada Biennale gelingt es in gleich dreifacher Hinsicht, sich diesen und anderen Zeitphänomenen entgegenzustellen.

Das Auffälligste ist vielleicht die Abwesenheit aktivistisch verkürzter Politisierung der Kunst, wie sie nicht nur hierzulande sehr häufig geworden ist, etwa bei der jüngsten Berlin-Biennale. In Prizren waren weder kämpferisch-postkoloniale Akklamationen noch die unvermeidliche und meist arg platte Kritik an Kapitalismus oder Neoliberalismus zu vernehmen. Relevant, gegenwärtig und letztlich sehr wohl politisch waren die gezeigten Arbeiten dennoch – oder gerade deshalb.

Wenn etwa der slowenisch-niederländische Künstler Tao G. Vrhovec Sambolec in den Gassen der osmanisch geprägten Altstadt über eine Stunde lang die Note A auf unterschiedlichen Instrumenten und in unterschiedlichen Tonlagen spielen lässt, tritt die verfahrene Weltlage für einen Moment zurück. Die Note A ist der Ton, auf den sich Orchester vor Konzerten einstimmen und die verschiedenen Instrumente und Ton­lagen ins musikalische Einvernehmen setzen, was sich durchaus als Kommentar zu einer dystopischen Gegenwart lesen lässt.

In den Arbeiten des 1994 verstorbenen kosovarischen Künstlers Simon Shiroka findet sich ein Beispiel, wie Tradition im Spannungsfeld von Gegenwart und Vergangenheit subtil befragt werden kann. Seine Werke greifen auf traditionelles Handwerk und mythische Motive zurück und schaffen daraus zeitgenössische Kunst von bleibender Tiefe.

Eindrucksvoll ist auch eine Performance von Silva Agostini, die Ausschnitte einer Wagner-Oper in die von Baustellen und turbokapitalistischen architektonischen Verbrechen geprägten Vororte der Stadt verlegt und parkende Autos zu leuchtenden und klingenden Akteuren einer ­gebrochenen Moderne macht.
Gleichermaßen tiefgründig wie augenzwinkernd ist die Arbeit der in Düsseldorf lebenden Slowenin Nika Špan, die aus nichts weiter als einem Klopfen an einer verschlossenen Tür in einem dunklen Raum eines leerstehenden osmanischen Wohnhauses besteht und der komplexen Vergangenheit der Stadt so eine überraschende Präsenz verleiht.

Der Umgang mit der Geschichte ist Künstler:innen und Macher:in­nen dieser Biennale auch sonst ein Anliegen. So werden ein altes Hammam, ein für den südlichen Balkan typischer osmanischer Uhrturm und traditionelle Wohnhäuser als Ausstellungsorte bespielt, um damit verschlossene Orte der Stadtgeschichte wieder öffentlich zugänglich zu machen. Die vom Kurator Erzen Shkololli eingeladenen Künstler:innen suchen weniger nach dem Eigenen als nach dem Verbindenden, fragen nicht nach Identität, sondern nach Möglichkeiten der Imagination.

Diese Räume der Imagination zu öffnen, darum geht es Shkololli, der bereits als Leiter der Nationalgale­rien in Priština und Tirana tätig war. Im Gespräch schildert er, wie sehr der Alltag im Kosovo und überhaupt in den Ländern des westlichen Balkan bis heute von konflikthafter Politik durchsetzt ist. »Im Kosovo zu leben, ist an sich schon politisch«, so Shkololli. In der Tat finden sich überall im Land Bekenntnisse zur kosovarischen Befreiungsarmee UÇK: auf Häuserwänden, auf Bergrücken und nicht zuletzt weithin sichtbar auf der über Prizren thronenden mittelalterlichen Festung. Politische Stabilität kennt der junge Staat bis heute nicht, die wirtschaftliche Situation ist schlecht, im Norden flammen die Konflikte mit Serbien immer wieder auf, seit der Parlamentswahl Februar gibt es keine funktionierende Regierung mehr.

Die Macher:innen der Biennale bemühen in dieser Situation die gesellschaftsverändernde, empowernde Kraft der Kunst. Die seit 2017 zweijährlich stattfindende interna­tionale Ausstellung hat sich einen Namen mit klug kuratierten Interventionen in einer kulturell peripheren Region gemacht. Von Anfang an waren die Organisator:innen darum bemüht, in die Stadtgesellschaft ­hineinzuwirken und besonders die Jugend in Prizren für die Kunst zu begeistern.

Seit die Biennale ihr Quartier 2021 in einem vormals von der Bundeswehr genutzten Hangar am Stadtrand aufgeschlagen hat, konnte die Arbeit auch jenseits des Ausstellungsbetriebs verstetigt werden. Auf dem Gelände des ehemaligen deutschen Militärstützpunkt KFOR werden im Rahmen des Innovations- und Ausbildungsparks (ITP) Arbeitsaufenthalte für Künstler:innen angeboten, die mit Education-Programmen und Workshops kombiniert werden. So kommt es, dass an den Ausstellungsorten und im Festivalzentrum stets sogenannte Mediatoren zugegen sind, junge Leute aus der Stadt, die mit den gezeigten Arbeiten vertraut sind und dem Publikum helfen sollen, sich die Kunst und die Stadt zu erschließen.

Leutrim Fishekqui macht aus seinem Stolz auf diese »youngsters« keinen Hehl. Er hat die Autostrada ­Biennale 2014 gemeinsam mit Vatra Abrashi und Barış Karamuço ins ­Leben gerufen, gleichermaßen aus Begeisterung für die Kunst wie aus dem Wunsch heraus, etwas für das kulturelle Leben im Land und dessen Entwicklung zu tun. In Prizren ist der Glaube an eine bessere Zukunft und vor allem an das Modell einer offenen, freiheitlichen und demokratischen Gesellschaftsordnung über­raschend lebendig. Auch damit wendet sich die Autostrada Biennale gegen einen Zeitgeist, der in den kapitalistischen Zentren immer stärker von autoritären Affekten und antiliberalen Ressentiments durchsetzt ist.

Finanziert wurde die kosovarische Biennale bislang maßgeblich von westlichen Akteuren wie der Allianz-Stiftung, den europäischen Kultur­instituten, den Botschaften der EU-Länder – und der Botschaft der USA. Kurz nach dem Amtsantritt Donald Trumps als US-Präsident kam von dieser jedoch der Bescheid, man stelle nicht nur alle Unterstützung ein, sondern fordere überdies eine hohe Summe bereits ausgezahlter Fördergelder zurück.

Wer nun denkt, Länder wie Deutschland würden einspringen, irrt. Im Gespräch mit informierten Partnern war zu erfahren, dass auch die deutsche Botschaft ihre Förderung verringert habe. Das Auswärtige Amt teilte auf Anfrage nur mit, aufgrund der »andauernden vorläufigen Haushaltsführung im Jahr 2025 konnte die Botschaft Priština die fünfte Autostrada Biennale nicht im geplanten Umfang finanziell unterstützen«. Man habe sich aber um Sponsoring-Kontakte bemüht und trage mit Social-Media-Posts »zur Reichweitenstärkung und höheren Sichtbarkeit von Autostrada« bei, hieß es beschwichtigend.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund ist das vielleicht Hervorstechendste an dieser Ausgabe der Autostrada Biennale ihre optimistische Grundhaltung, die sich der Schwere der Gegenwart mit einer selten gewordenen Leichtigkeit verweigert. Das ist schließlich der dritte und wichtigste Aspekt des Antizyklischen in Prizren, allen andauernden Horrormeldung zum Trotz.

Autostrada Biennale. Bis 5. Oktober 2025, Prizren, Kosovo. www.autostradabiennale.org

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